New Work Privat

Kollektiver Burnout oder Perspektiven für Familien schaffen?

Spätestens morgens um 06:00 Uhr wacht der 1Jährige auf und kräht „Mama!“. Frühstück für alle machen und dabei die schlechte Laune der Großen abfangen. Die ist heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Nach zähen Verhandlungen dann Schokoosterhase zum Frühstück. Spätestens gegen 09:00 Uhr stellen sich erste Zeichen der Erschöpfung ein. Jetzt wieder ins Bett?

Aber nein, der Tag geht ja gerade erst los! Also eine Bastelsession mit der 4Jährigen starten und gleichzeitig darauf aufpassen, dass der Kleine in der Zeit nicht die ganze Wohnung zerlegt. Das geht bei Kindern in einem gewissen Alter erstaunlich schnell. Parallel ein Mittagessen zaubern und ein paar dringende Mails beantworten. Kurzes Durchschnaufen in der Mittagspause – ein Kind schläft, das andere macht Bingewatching mit „Sendung mit der Maus“. Dann den xten Kaffee des Tages und los geht der Arbeitsnachmittag. Spätestens um 17:00 Uhr ist der wieder vorbei, weil mindestens ein Kind schreit und man so kein Abendessen machen kann. Also den Partner unterstützen und weiter geht’s. Küche aufräumen, Zähne putzen und Geschichten vorlesen. Wenn dann alle Kinder im Bett sind noch was „für mich“ machen. Tut gut, führt aber dazu, dass ich wieder zu spät ins Bett komme.

Arbeiten im Ausnahmezustand

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so einen Tag mal als relativ entspannt bezeichnen würde. Wir sind in der luxuriösen Lage , uns Arbeit- und Betreuungszeiten aufteilen zu können. Andere müssen Arbeit und Kinderbetreuung parallel bewältigen. Diese Eltern sind in der aktuellen Situation besonders belastet. Paare mit einem traditionellen Rollenmodell tun sich da leichter. Und haben vermutlich andere Probleme. Aber Fakt ist: Das ständige jonglieren zwischen den Anforderungen des Arbeitslebens und dem privaten Wahnsinn geht an die Konstitution. Wenn das so weitergeht, wird das Müttergenesungswerk sein Angebot ab Herbst massiv ausweiten müssen. Kollektiver Burnout vorprogrammiert.

Klar, es gibt haufenweise hilfreiche Tipps, wie sich der Arbeitsalltag mit Kindern gestalten lässt. Auch ich habe schon darüber geschrieben. Und die Zeit hat auch viele schöne Seiten. Ich sehe meine Kinder mehr als sonst und beobachte, welche positiven Einfluss Kindergartenentzug und Entschleunigung auf sie haben. Wir zupfen einen ganzen Nachmittag Gras und sortieren es der Länge nach. Tut allen Beteiligten gut.

An der Grenze des Machbaren

Aber auf Dauer hilft auch der schönste Wochenplan nix. Überlastung ist Überlastung und die wird gesundheitliche Folgen haben. Es ist an der Zeit arbeitenden Eltern Perspektiven aufzuzeigen und Hilfspakete zu schnüren. Zwei Dinge sind da aus meiner Sicht besonders wichtig:

  • Nicht nur die Wirtschaft braucht Unterstützung, sondern auch die Familien. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es Eltern ermöglichen Kinderbetreuung und Arbeit zu vereinen. Gleichberechtig wäre eine Lösung, die beiden Elternteilen befristete Teilzeit bei Lohnausgleich ermöglicht. Damit können sich beiden Elternteile abwechselnd um Kinder und Arbeit kümmern. Das ist zwar immer noch anstrengend (siehe oben). Aber produktiver und stressfreier, als parallel zu arbeiten und Kinder zu betreuen.
  • Es muss eine Perspektive für die Kinderbetreuung geben. Eltern brauchen eine Möglichkeit, sich Erholungsphasen zu verschaffen. Und das geht bei arbeitenden Menschen nur über Betreuungsangebote. Die Großeltern fallen ja momentan aus. Ich kann nachvollziehen, dass es momentan nicht verantwortbar ist die externe Betreuung zu weit aufzumachen. Sinnvoller fände ich es, nachbarschaftliche Initiativen zu legalisieren, in denen sich Familien gegenseitig unterstützen. Wenn Kinder stundenweise in festen Kleingruppen betreut werden, wäre allen ein Stück weit geholfen.

Es darf nicht sein, dass Eltern vom Goodwill des Vorgesetzten abhängig sind oder um ihren Job fürchten müssen, weil sie die vereinbarte Wochenarbeitszeit momentan nicht erbringen können. Diese Situation setzt Betroffene massiv unter Stress. Eltern im permanenten Erschöpfungszustand können keine gute (Erziehungs-)arbeit leisten Und darunter leiden dann alle – Unternehmen, Eltern und Kinder.

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