Führung in Teilzeit
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Führung in Teilzeit – Immer wieder einen Aufreger wert

Führung in Teilzeit ist immer wieder ein Aufreger. Fast jede:r von uns hat schon einmal so eine Geschichte gehört. Eine bis dahin recht erfolgreiche weibliche Führungskraft bekommt ein Kind, geht in Elternzeit und möchte danach in Teilzeit wieder einsteigen. Und dann geht alles schief. Der/die Vorgesetzte ist mit der Teilzeitregelung nicht einverstanden, es kommt zu endlosen Diskussionen und oft endet die Geschichte so, dass die Frau frustriert das Unternehmen verlässt oder erstmal ein zweites Kind bekommt. Um dann nie wieder in eine Führungsposition zurückzukehren – zumindest nicht im selben Unternehmen.

Ich empfinde diese Geschichten als zutiefst frustrierend. Frustrierend für die Frauen (und zunehmend auch Männer), die in eine traditionelle Rollenaufteilung gezwungen werden, frustrierend für die Ehepartner, die der Chance beraubt werden, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und frustrierend für die Unternehmen, die die Kompetenz und das Potential dieser Frauen verlieren.

Massiver Widerstand ist keine Seltenheit

Was mich immer wieder erstaunt, ist die Massivität, mit der diesen Frauen die Möglichkeit einer gleichberechtigten Teilhabe am Arbeitsleben verwehrt wird. Aber das lässt sich erklären – denn es geht hier um mehr als nur um einen Teilzeitjob. Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es hier eigentlich um die Identität und das Führungsverständnis der Vorgesetzten geht. Wenn ich meine Karriere auf langen Arbeitszeiten und ständiger Erreichbarkeit aufgebaut habe, erschüttert allein die Möglichkeit von Führung in Teilzeit alles, woran ich bisher geglaubt habe. Wie kann es sein, dass andere es leichter haben sollen als ich selbst?

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen – ich vermute diese Gedankengänge bei Vorgesetzten männlicher und weiblicher Art. Entscheidend ist das eigene Führungsverständnis und die persönliche Historie. Denn jeder einigermaßen reflektierte Mensch wird nicht darum herumkommen sich zu fragen, warum Führung in Teilzeit jetzt plötzlich möglich sein soll, wo man selbst für die Karriere so viel geopfert hat – egal ob eigene Kinder, Zeit mit der Familie und Freunden oder Zeit für sich. Dieser Gedankengang löst sicherlich keine angenehmen Gefühle aus. Der leichteste Weg damit umzugehen ist, die Alternative zu negieren und das eigene Weltbild wieder geradezurücken. Dann tut‘s auch nicht mehr weh.

Eine vertane Chance für alle Beteiligten

Aus meiner Sicht ist das eine vertane Chance für alle Seiten. Eine vertane Chance für die Frauen (und Männer), eine vertane Chance für die Vorgesetzten und eine vertane Chance für die Unternehmen. Denn eigentlich könnten alle Beteiligten davon profitieren. Die Frauen von einer gleichberechtigten Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit und einer sicheren Rente, die Unternehmen von hoch motivierten und erfahrenen Mitarbeiter:innen und die Vorgesetzten durch die Chance einer persönlichen Weiterentwicklung und dem guten Gefühl, anderen etwas zu ermöglichen was ihnen selbst (noch) nicht möglich war.

Für mich ist Führung in Teilzeit eigentlich eine riesengroße Chance für Organisationen. Starre Hierarchien und Führung a la Command & Control sind in unser schnelllebigen und komplexen Zeit immer weniger wirksam. Führung in Teilzeit bietet Organisationen eine Steilvorlage für die Entwicklung hin zu mehr Selbstorganisation und Selbstverantwortung. Gleichzeitig ermöglicht sie nachhaltig mehr Frauen in Führung – und dass damit positive Effekte verbunden sind, hat eben erst wieder eine Studie von BCG gezeigt. Divers geführte Unternehmen schneiden am Aktienmarkt besser ab als der Durchschnitt aller 30 Firmen im DAX und ein heterogenes Topmanagement geht mit einer stärkeren Innovationskraft einher.

Was es braucht, um die Vorteile nutzen

Diese ganzen positiven Effekte sind nicht umsonst zu haben – eine Frau in Teilzeit in einer sonst auf Präsenz und Kontrolle ausgerichteten Unternehmenskultur bringt sicher noch nicht den Durchbruch. Aber es kann ein Anfang sein, wenn in der Organisation der Wille zur Veränderung da ist. Und vielleicht hilft es ja manchen Vorgesetzten, die positiven wirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund zu rücken, um sich nicht allzu sehr selbst in Frage stellen zu müssen.

 

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