New Work Praxis

Beißhemmung im Digitalen – Über das Schweigen im virtuellen Raum

Diese Situation haben sicher einige von euch schonmal erlebt: Ihr haltet einen Vortrag oder stellt ein Arbeitsergebnis im virtuellen Raum vor. Schon währenddessen merkt ihr, dass irgendwas nicht stimmt. Es kommen keine Zwischenfragen und es fühlt sich so an, als könntet ihr die Aufmerksamkeit eurer Zuhörer nicht einfangen. Und auch auf Nachfrage kommt wenig bis keine Reaktion. Das fühlt sich als Vortragende*r erstmal nicht so doll an.

Genauso eine Situation habe ich vor kurzem mal wieder erlebt. Und das, wo ich gedacht habe, dass mir das nicht mehr passiert. Weil ich im Vortrag vor Publikum Kontakt zu meinen Zuhörern aufbauen kann. Und schnell merke, wenn ich mit dem Thema daneben liege oder etwas anderes im Raum steht, was jetzt Vorrang hat. Digital bekomme ich das nicht so einfach mit. Die Blicke und Haltung meiner Zuhörer*innen fehlen oder sind nur auf Video gebannt. Es ist viel schwieriger die Stimmung im digitalen Raum zu erfassen und an die Zuhörer*innen anzudocken.

Kontakt herstellen und reagieren

Im analogen Raum wäre das alles kein Problem. Dort würde ich immer wieder versuchen Kontakt herzustellen und herauszufinden, ob die Richtung stimmt. Damit ich reagieren kann. Und im Zweifelsfall mein Empfinden in die Gruppe der Zuhörer*innen zu spiegeln und jede*n einzelne*n um ein kurzes Statement zu bitten. Um dann gemeinsam mit der Gruppe zu entscheiden, wie wir weiter machen.

Das ist für mich das, was weniger gute von sehr guten Moderatoren*innen unterscheidet. Nämlich die Fähigkeit eine Verbindung zu einer Gruppe aufzubauen und damit zu arbeiten. Egal ob im Digitalen oder Analogen. Es hat mich überrascht, wie schnell ich all das, was ich seit Jahren in der Moderation analoger Gruppen ‚im Schlaf‘ anwende, im Digitalen erstmal vergesse. Und das obwohl digitale Zusammenarbeit für mich kein Neuland ist. Anscheinend habe ich eine Art Beißhemmung im Digitalen.

Übergriff im digitalen Raum?

Aber warum ist das so? Zum einen fühlt sich das direkte Einfordern eines Feedbacks für mich im Digitalen übergriffiger an. Der Mensch sitzt nicht neben mir im Raum und ich kann schlechter beurteilen, wie ‚hart‘ ich denjenigen anpacken kann. Verträgt es der Kollege, wenn ich nochmal nachhake? Oder ist das für ihn jetzt an dieser Stelle zu viel? Diese Ungewissheit macht mich vorsichtig.

Auf der anderen Seite habe ich auch den Eindruck, dass sich manche Menschen bewusst im Digitalen ein Stück weit verstecken. Wenn ich mein Video mute und nix sage, bin ich nur noch schwer ansprechbar. Ich weiß als Moderator ja nicht mal oder derjenige noch am Schreibtisch sitzt oder inzwischen mit einem Kaffee auf den Balkon entschwunden ist. Klar, kann es viele Gründe für dieses Verhalten geben. Blöd ist es aber trotzdem.

Kamera an

Ich habe mir vorgenommen, mich auf das zu besinnen, was ich gelernt habe. Um damit im Virtuellen genauso selbstverständlich zu arbeiten wie im Analogen. Und gleichzeitig mehr von meinen Zuhörer*innen zu fordern. Vielleicht auch mit dem Hinweis, dass ich ein Zeichen des Gegenübers brauche, wenn er oder sie jetzt nichts sagen möchte. Denn eigentlich bin ich davon überzeugt, dass gutes Feedback auch im Digitalen stattfinden an. Mit angeschalteter Kamera und hochgeklapptem Visier auf beiden Seiten.

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